Beitrag von Schlumpfine
Geschrieben von
Birgit am 01. September 2010 22:55:12:
Huhu Schlumpfine,
hier dein Beitrag aus dem Thread, den ich gelöscht habe. (weißt ja, ich lösch immer den ganzen Thread) Aber ich fand das jetzt als Thema zu kostbar, um Almut damit den hintern abzuwischen, drum hier ist er wieder. Allerdings hab ich den Namen getauscht.
Was suchst du hier, Almut?
Austausch mit Menschen, die ähnliche (oder ganz andere) Schwierigkeiten wie (als) du damit haben, ihr Wohnumfeld so zu gestalten, dass sie sich dort wohlfühlen können?
Oder Streit?
Ich bin ja (nicht nur in diesem Forum) berüchtigt für meine Aversion gegen unerbetene Rat-Schläge. Auf Leute, die mit du musst ... [Anm. Birgit: Link in die Forenregeln] ihre Beiträge anfangen, springe ich üblicherweise an, wie'n VW-Motor. Ist ein "Wunder Punkt" bei mir, da bin ich sehr empfindlich.
Etwas anderes ist es, wenn ich selbst ratlos bin und explizit und Rat bitte. Ohne das Beiwort unerbeten ist ein guter (oder nutzloser) Rat nämlich einfach nur das: Ein Rat. Ohne Schlag.
Wenn dann also Antworten kommen, in denen steht:
"Als x mich gestört hat, habe ich mit y gute Erfahrungen gemacht." oder "Ich kenne jemand, der hat auch a und der war mit b überhaupt nicht zufrieden. Aber mit c hat es dann geklappt."
Ob ich für a Wellensittiche, ADHS, eine Dachwohnung, einen großen Garten oder Läuse einsetze - hier im Forumsarchiv findes ich messie-erprobte Tipps zu jeder Lebenslage. Und fast gar keine Rat-Schläge.
Falls du doch einen findest und er ist von Janna, darfst du ihn behalten, Almut.
Dann habe ich mich eben geirrt. Bisher war meine Wahrnehmung, dass die allermeisten von uns hier durch besserwisserische Überheblichkeit immer tiefer in ihren Schlamassel geraten sind.
Messies sind ja qua Definition nicht Menschen, die ein klar messbares Quantum von Schmutz und Unordnung produzieren.
Messies sind qua Definition Menschen, deren eigenes Verhalten im Umgang mit Sauberkeit und Ordnung im Widerspruch zu ihren eigenen Maßstäben steht und die an dieser Lücke zwischen Anspruch und Realität leiden.
Wer zufrieden in seiner ganz persönlichen (Un-?)Ordnung lebt und mit dieser Ordnung bzw. Unordnung weder andere Menschen kränkt noch sich selbst mit Scham- und Schuldgefühlen quält, ist kein Messie.
Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung von Frau Dr. Gisela Steins von der Universität Bielefeld, deren Studenten sehr viele Probanden in deren Wohnungen besucht haben und dabei durch eine klare Quantifizierung die vorhandene Ordnung und Sauberkeit gemessen haben.
Es gab eine klare Skala von völlig leer bis überhäuft bis zur Unzugänglichkeit (Ordnung) sowie von und steril bis verdreckt bis zur Unkenntlichkeit (Sauberkeit).
Dieses Punktesystem wurde systematisch auf die verschiedenen Wohnbereiche angewandt.
Parallel dazu gab es bei denselben Menschen psychologische Tests, die den Leidensdruck der Probanden bezogen auf ihr Wohnumfeld bzw. auf ihre Beziehungen zu anderen Menschen feststellen sollten. Auch wurden die Menschen gefragt, ob sie sich selbst eher als Messie oder als normal oder als Putzteufel wahrgenommen haben.
Die zwanghaften Putzer bzw. Nicht-Putzer hatten einen ähnlich hohen Leidensdruch und ähnliche große Problem im Umgang mit ihren Mitmenschen.
Wer sich und seine Mitbewohner als "normal" eingeschätzt hat und seinen Umgang mit Nachbarn, Freunden und Verwandten ebenfalls für "normal" gehalten hat, hatte in dieser Hinsicht keinen Leidensdruck und bewältigte seinen Alltag so, wie es ihm richtig erschien.
Selbst in den Wohnungen von Menschen, die sich selbst einen ausgeprägten Putzzwang attestiert hatten, fanden die Forscher Schmutzecken und Krempel - und zwar nicht zu knapp.
Und in den Wohnungen von Menschen, die sich selbst als Messies wahrgenommen haben, fanden sich Bereiche, deren Sauberkeit und Ordnung höchsten professionellen Ansprüchen genügt hätten.
Bei den Menschen, die sich selbst als "Normal" eingeschätz haben, fanden sich ebenfalls (genau wie bei den Messies" bzw. Putzteufeln") Bereiche, die hervorragend, mittelmäßig oder unzureichend organisiert und gesäubert waren.
Der Leidensdruck, die Schuldgefühle und die Schwierigkeiten im Umgang mit ihren Mitmenschen standen in keinem messbaren Zusammenhang mit dem quantitativ erfassten Maß von Ordnung und Sauberkeit in den Haushalten der Befragten.
Die meisten von uns, die hier regelmäßig mitlesen, kennen diese Untersuchung von Dr. Steins und wissen, dass nicht das Aussehen ihrer Wohnung, sondern ihr persönliches Leid an der eigenen Wohnung, an ihren eigenen Ansprüchen und an den Beziehungen zu ihren Mitmenschen darüber entscheiden, ob sich sich als Messie fühlen oder nicht. Aussagen wie "Du musst nur ..." und Fragen wie "Was ist denn so schwer daran, einfach ...?" haben die Schuld- und Schamgefühle von vielen von uns so sehr vertieft, dass wir selbst bitter notwendige Kontakte und Unterstützungsmöglichkeiten zurückgewisen haben und so noch tiefer in unser Elend geraten sind. Nicht alle hatten die Kraft, sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Viele von uns sind dankbar für den ganz besonderen Erfahrungsaustausch, den sie hier mit all ihen Empfindlichkeiten genießen dürfen. Ich bin es ganz sicher.
Das ist meine Antwort auf deine Frage "wie seht ihr des...". So sehe ich das!
Schlumpfine
Janna 02.09.2010 00:13
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Birgit 02.09.2010 07:23
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Janna 02.09.2010 07:51
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