Re: Umgangsweise

Der Mann im Rock

Geschrieben von MAS am 15. Juli 2008 13:06:24:

Als Antwort auf: Re: Umgangsweise geschrieben von chrisko am 15. Juli 2008 10:56:33:

Hi Chrisko,

das klingt doch schon viel vernünftiger und besonnener. Sicher werde auch ich manchmal ungeduldig, wenn schon wieder jemand kommt, dem noch längst nicht klar ist, was ich seit Jahten vorlebe und predige. Aber dann denke ich: Da kan der doch nix für, dass er davon noch nichts mitbekommen hat, dass ich der erste rocktragende Mann bin, der ihm unter die Augen kommt, dass ich die Scheu vor vermeintlich weiblichen Attributen überwunden habe und er selber noch drin steckt, usw...

Bei jedem einzelnen, egal ob hier im Forum oder im realen Leben, der von unserer Sache noch ncihts mitbekommen hat und der sozialisationsbedingt noch in den herkömmlichen Mustern denkt, müssen wir sachlich, freundlich und doch überzeugt erklären, Mut zum Umdenken machen, und viel Geduld haben.

Die Ungeduld die wir oft in uns verspüren müssen wir einfach wahrnehmen und loslassen. Ich mache mal Werbung für die Achtsamkeistmeditation: Setz dich mal für 10, 20, 30 Minuten hin, beobachte Deine Sinneswahrnehmungen, Gednaken und Gefühle, ohne sie zu bewerten, ihnen nachzuhängen, sie wegzuschieben, lasse sie einfach zu und wieder los. Na ja, so einfach ist das nicht, aber eine Übung, die letztlich viel Leid vermeiden hilft. Sie kommt aus dem Buddhismus ist aber auch für Nichtbuddhisten praktikabel. Kannst ja mal nach googeln: Achtsamkeitsmeditation, Vipassana, Satipatthana, Zen ...

Oder lies/lest mal das Buch, auf das ich unten verlinkt habe. Das ist m.E. echt super.

Ah, ich habe das Buch mal rezensiert und gebe Euch die Rezi hier wieder.

LG,
Michael

Hier die Rezension:

Buchrezension

Werner Heidenreich. In Achtsamkeit zueinander finden. Die buddhistische Sprache der Liebe. (Diederichs Gelbe Reihe). München, Kreuzlingen 2006. (Heinrich Hugendubel Verlag). 233 Seiten.


Die Diederichs Gelbe Reihe hat mich schon in meiner Jungend fasziniert und mit ihren Büchern über die und aus den Religionen der Menschheit auch mit dazu beigetragen, dass ich später Religionswissenschaft studierte. (Dass sie somit mit schuldig daran ist, dass ich derzeit kein Geld verdiene, möchte ich nicht behaupten.)

Nun lag eines Tages ein Päckchen vor unserer Wohnungstür, das ein neues Buch dieser Reihe enthielt, in mal wieder ganz neuer Aufmachung, Hardcover statt Paperback, sogar mit Umschlag, und nun zum Heinrich Hugendubel Verlag gehörend. Es stand zwar nichts dabei, aber ich interpretiere es als Rezensionsexemplar. Es kam von der Gütersloher Verlagsgruppe, und neulich kam das gleiche Buch noch mal, direkt vom Hugendubel Verlag, diesmal mit ausdrücklicher Bitte um eine Rezension. Mal sehen, vielleicht schreibe ich auch zwei davon, wenn ich schon zwei Bücher bekam. Das mache ich bei CDs ja auch so.

Der Autor des Buches ist mir seit langem bekannt. Werner Heidenreich leitet den StadtRaum in Köln (www.stadtraum.de). Aber ganz unabhängig von dieser langen Bekanntschaft sage ich nach der Lektüre: Es ist das wichtigste Buch, das ich seit langem gelesen habe! Vielleicht liegt es auch daran, dass ich wenige praktische Rategeber lese, und mir deshalb so einiges schon entgangen ist. Sei es drum, dieses Buch schlug mich von der ersten Seite an in seinen Bann, und was ich las, konnte ich großenteils auch sofort umsetzen und das mit Erfolg.

Es handelt vom achtsamen und liebevollen Umgang in zwischenmenschlichen Beziehungen. „Von der Liebe“, „ Von der Achtsamkeit“, „Vier Arten unrechter Rede“, „Liebevolles Hören“, „Liebevolles Sprechen“ und „Formen der Kommunikation“ sind die Überschriften der Kapitel, jeweils (abgesehen vom dritten) in weitere Unterkapitel unterteilt, die auch nach dem ersten Durchlesen das Wiederfinden der Themen erleichtern. Die Perspektive des Buches ist buddhistisch, aber außer Zitaten aus dem Pali-Kanon und von theravada- und zen-buddhistischen Meistern gibt es hier und da auch Zitate aus der Bibel und von Martin Buber. Heidenreich geht es aber gar nicht darum, mit Zitaten von Autoritäten zu glänzen, sondern er rät sogar davon ab, das zu tun. Die einzige gültige Autorität solle die je eigene Erfahrung sein, das eigene Empfinden, subjektiv, nicht verallgemeinernd, sich aber gerade objektivierend dieser Subjektivität jederzeit bewusst und daher relativierend. In anscheinendem Widerspruch erteilt Heidenreich den Ratschlag, keine Ratschläge zu erteilen. Zum Beispiel sollte man nie „man“, „sollte“ und „nie“ sagen.

Nein, Heidenreich doziert nicht mit erhobenem moralischen Zeigefinger, sondern erzählt, wie es ihm selbst ergangen ist, als er sich von dem kleinen Sohn seiner Lebensgefährtin dermaßen provozieren ließ, dass er ihn anbrüllte und schlug. Das Resultat war keineswegs die Befriedung des kleinen Nervlings, sondern ein großer innerer Unfriede in Heidenreich selber, der sich auf seine zwischenmenschlichen Beziehungen nicht positiv auswirkte. Unter anderem die Begegnung mit dem vietnamesischen Zenmeister Thich Nhat Hanh läutete eine Wende ein. Er begann, in sich hinein zu lauschen und die Achtsamkeit zu kultivieren, eigene Stimmungsschwankungen und Gedanken wahrzunehmen, bevor sie ein Handeln oder Sprechen in ihm auslösten. Zugleich begann er, seinen Geist in Richtung auf Mitgefühl zu sensibilisieren. Mit Hilfe diesbezüglicher Meditationsübungen erwuchsen Selbsterkenntnis und Mitgefühl mit anderen Menschen, inklusive einem feinen Gespür dafür, was Handlungen und Worte anderer Menschen in ihm und umgekehrt, was seine Handlungen und Worte in anderen auslösen können. Er lernte, zwischen Gereiztwerden und Reaktion seine Beobachtung zwischenzuschalten und Verantwortung für seine Reaktion zu übernehmen, die dann keine Reaktion mehr wahr, sondern Aktion eines achtsamen, friedlichen und liebevollen Geistes.

Bei fast jedem Satz des Buches spürte ich die eigene Erfahrung des Autors, und trotz des Rates, nicht zu verallgemeinern, steckt darin eine tiefe allgemeine Menschenkenntnis, denn trotz aller individuellen Unterschiede funktionieren wir Menschen doch ähnlich. Das merkte ich dann oft in Situationen, die hätten eskalieren können, wenn ich nicht Heidenreichs Ratschläge beherzigt hätte. Zum Beispiel fühlte ich mich mal durch einen Arbeitsauftrag meiner Frau im Garten genervt, konnte nun aber, statt mit „Was denn noch?“ oder „Du immer mit Deinen ...“ genervt zu reagieren, meine eigene Anspannung beobachten, konnte merken, dass ich nicht gezwungen bin, auf eine bestimmte, meiner jeweiligen Laune entspringenden Weise zu reagieren, sondern, dass mein Handlungsspielraum viel größer war. Ich konnte meine gereizte Anspannung wahrnehmen, sie lächelnd loslassen und so locker und freundlich bleiben. Das führte dann auch bei meiner Frau zu einem Nachlassen der Anspannung.

Es geht also darum, die bei der Meditation geübte Achtsamkeit in den zwischenmenschlichen Bereich zu übertragen. Beim stillen Sitzen auf dem Kissen ist es leichter, achtsam zu sein als im hektischen Alltag. Aber, so scheint mir, ohne besagtes stilles Sitzen geht es im Alltag noch schwieriger. Heidenreich formuliert nicht die Notwendigkeit der Meditationsübungen, sondern erwähnt sie als Möglichkeit. Das entspricht dem nicht aufdringlichen Grundton des Buches und auch des Menschen Werner Heidenreich, so wie ich ihn kenne. Nur wage ich zu bezweifeln, dass Leser ohne Erfahrung in Achtsamkeitsmeditation die intellektuell einsichtigen Tipps des Buches einfach so umsetzen können, denn Achtsamkeit auf die eigenen Gedanken und Gefühle braucht Übung. Die Verständlichkeit des Buches für Nichtbuddhisten ist auch ambivalent zu beurteilen. Einerseits verzichtet Heidenreich weitgehend auf Fachbegriffe, die aus dem Sanskrit oder Pali kommen – allein der Begriff „Metta“ (liebevolle Güte, Mitgefühl) taucht immer wieder auf –, andererseits leitet er einige ethische Verhaltensvorschläge von buddhistischen metaphysischen Welterklärungsmodellen ab, wie der Lehre vom Nicht-Ich oder Nicht-Selbst (Anatta) und von der Leerheit.(Shunjata). Das dürfte dem einen oder anderen uneingeweihten oder aber an eine personale Seele und einen personalen Gott glaubenden Leser Schwierigkeiten bereiten.

Ich halte dieses Buch also für sehr empfehlenswert für Buddhisten und auch für nichtbuddhistische Zen- und Vipassana-Praktizierende und für eingeschränkt empfehlenswert für alle übrigen Menschen. Letzteren oder auch allen gebe ich den Tipp: Lest es und schaut selbst.



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